Brief
An Johann Christian Kestner (etwa zwischen 9. und 15. Mai 1773)
Ich hatte gleich auf eure Nachricht Kielm. sey hier in die meisten Wirthshäusser geschickt, konnt ihn aber nicht erfragen. Nun sagt mir Pokkozelli er sey wieder fort, und habe gehört ich sey nicht hier. Sagt ihm er hätte nicht so fort gehn sollen, ich war Montags schon wieder hier als er Mittwochn wegging, und ich hatte eben um die Zeit an ihn gedacht, und gewünscht mit ihm zu seyn. Sagt ihm, von unserm Nachdruck Ossians ist Fingal ausmachend den ersten Teil fertig, kostet 36 Kr wenn er ihn will schick ich ihn mit dem übrigen und bitte mir meinen Ossian zurück. Ich weis nicht ob ich euch schon im vorigen Briefe gebeten habe was an Boje mit zu nehmen. bestimmt mir doch die Zeit wenn ihr geht. Wie stehts euerm Engel. Ich habe ein grosses Commerz mit ihr. Ihre Silhouette ist mit Nadeln an die Wand befestigt und ich verliehre meist alle Nadeln und wenn ich beym anziehn eine brauche, borg ich meist eine von Lotten, und frage auch erst um Erlaubniss pp
Etwas verdrüsst mich. In Wetzlar hatte ich ein Gedicht gemacht, das von Rechts wegen niemand besser verstehen sollte als ihr. Ich möcht es euch so gern schicken, hab aber keine Abschrifft mehr davon. Boie hat eine durch Mercken, und ich glaube, es wird in den Musen almanach kommen. es ist überschrieben der Wandrer und fängt an: Gott seegne dich iunge Frau. Ihr würdets auch ohne das gleich gekannt haben.
So weit dann lieb. K. Lotte weis wie lieb ich sie habe. Adieu.
G.
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