Brief

An Carl Friedrich Zelter (27. Juli 1807)

Sie haben, lieber theurer Freund, lange nichts von mir gehört. Jetzt will ich im kurzen zusammen fassen wie es mir bisher gegangen. Ich kam nach Carlsbad in dem übelsten Befinden, das sich durch einen zwar gewöhnlichen, aber für meine Zustände nicht passenden, schlendrianischen Gebrauch des Was sers anfänglich so vermehrte, daß ich in einen höchst peinlichen Zustand gerieth. Durch eine Abänderung der Cur und den Gebrauch einiger Mittel, nach Ver ordnung des Dr. Kappe von Leipzig, wendete sichs auf einmal ins Bessere; wobey es denn auch schon sechs Wochen anhaltend verharrt, welches ich sehr gern meinen Freunden zu wissen thue. Acht Wochen bin ich nun schon hier und habe mich in verschiedenen Epochen auf verschiedene Weise beschäftigt: Erst kleine Geschichten und Mährchen, die ich lang im Kopf herumgetragen dictirt; sodann eine Weile Landschaf ten gezeichnet und illuminirt; jetzt bin ich beschäftigt meine geologischen Ansichten der hiesigen Gegend zusammenzustellen und eine Sammlung von Gebirgs arten, welche hier ausgegeben wird, kürzlich zu commentiren Interessante Menschen von sehr verschiedener Art habe ich kennen lernen, unter welchen der franzö sische Resident Reinhard, der zuletzt in Jassy gestanden, und dessen Schicksale Ihnen gewiß im Ganzen bekannt sind, wohl den ersten Platz einnimmt. Uebrigens lebe ich denn doch sehr einsam: denn in der Welt kommen einem nichts als Jeremiaden entgegen, die, ob sie gleich von großen Uebeln veranlaßt werden, doch wie man sie in der Gesellschaft hört, nur als hohle Phra sen erscheinen. Wenn Jemand sich über das be klagt, was er und seine Umgebung gelitten, was er verloren hat und zu verlieren fürchtet, das hör’ ich mit Theilnahme und spreche gern darüber und tröste gern. Wenn aber die Menschen über ein Ganzes jammern, das verloren seyn soll, das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Lebtag gesehen, noch viel weniger sich darum be kümmert hat; so muß ich meine Ungeduld verber gen, um nicht unhöflich zu werden, oder als Egoist zu erscheinen. Wie gesagt, wenn jemand seine verlorenen Pfründen, seine gestörte Carriere schmerz lich empfindet, so wäre es unmenschlich nicht mit zufühlen; wenn er aber glaubt, daß der Welt auch nur im mindesten etwas dadurch verloren geht, so kann ich unmöglich mit einstimmen. Sagen Sie mir, mein Lieber, wie es mit Ihnen geworden ist. Ich habe tausendmal an Sie gedacht und an das, was Sie als Privatmann geleistet haben ohne von Seiten der Reichen und Mächtigen unterstützt oder sonderlich aufgemuntert zu werden. Vielleicht ist das, was wir bey der politischen Veränderung am meisten zu bedauern haben, hauptsächlich dieses, daß Deutschland u besonders das nördliche, in seiner alten Verfassung den Einzelnen zuließ sich so weit auszubilden als möglich und Jedem erlaubte nach seiner Art beliebig das Rechte zu thun, ohne daß jedoch das Ganze jemals eine sonderliche Theil nahme daran bewiesen hätte. Diesen allgemeinen Reflexionen, welche freylich nicht zulänglich sind, und die ich wohl einmal mit Ihnen mündlich weiter ausführen möchte, füge ich eine besondere Bitte hinzu, um deren baldige Gewährung ich Sie freundlichst ersuche. Ob wir gleich Stimmen und Instrumente in Weimar haben, und ich noch dazu der Vorgesetzte solcher Anstalten bin; so habe ich doch niemals zu einem musicalischen Genuß in einer gewissen Folge gelangen können, weil die garstigen Lebens und Theaterverhältnisse immer das Höhere aufheben, um dessentwillen sie allein dasind oder daseyn sollten. Nun haben wir von Schleswig wieder ein paar neue Leute, einen sehr guten Tenor und eine Art von Correpetitor bekommen, die ich noch nicht persönlich kenne die aber gute und verständige Leute zu seyn scheinen. Mit der Oper wie sie bey uns zusammengesetzt ist, mag ich mich nicht abgeben, besonders weil ich diesen musicali schen Dingen nicht auf den Grund sehe. Ich möchte daher das Seculum sich selbst überlassen und mich ins Heilige zurückziehn. Da möchte ich nun alle Woche einmal bey mir mehrstimmige geistliche Gesänge aufführen lassen, im Sinne Ihrer Anstalt, obgleich nur als den fernsten Abglanz derselben. Helfen Sie mir dazu und senden mir vierstimmige nicht zu schwere Gesänge, schon in Stimmen ausgeschrieben. Ich ersetze die Auslagen mit Dank. Zeigen Sie mir an, ob man im Notendruck, oder gestochen, der gleichen findet. Auch Canons und was Sie zu dem Zwecke nützlich halten. Sie sollen immer in unserer Mitte seyn, geistig, und herzlich willkommen, wenn Sie persönlich erscheinen möchten. Schreiben Sie mir ein Wort hieher, denn ich bleibe noch 4 Wochen hier, und schicken mir ein Paket nach Weimar, damit ich gleich anfangen kann, wenn ich nach Hause komme. Leben Sie recht wohl und bleiben meiner dauernden Freundschaft gewiß G Carlsbad den 27 July 1807.

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