Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 5. Oktober 1786

d. 5. Nach Tische p. 547. Heute früh war ich im Arsenal und mir interessant genug, daich noch kein Seewesen kenne und also auch hier gleichsam dieuntre Schule besucht habe. Denn freylich sieht es hier sehr nacheiner alten Familie aus, die sich noch rührt aber wo die Blüte und die beste Zeit der Früchte vorüber ist. Da ich auch den Handwerckern nachgehe, hab ich manchesmerckwürdige gesehn. Ein Schiff von 84 Canonen dessen Gerippefertig steht hab ich bestiegen. Ein gleiches ist vor sechs Monaten, ganz fertig, ausgerüstet, ander Riva de Sciavoni, bis auf’s Wasser verbrannt. Die Pulverkammer war nicht sehr gefüllt und da sie sprang that es keinengrosen Schaden. Die Benachbarten Häuser büsten ihre Scheibenein. Schönes Eichen Holz aus Istrien hab ich verarbeiten sehn. Ichkann nicht genug sagen, was mir meine sauer erworbnen Kenntnißeder natürlichen Dinge die doch der Mensch als Materialien braucht und zu seinem Nutzen verwendet überall helfen undmir die Sachen aufklären. So ist mir die Mineralogische und Oryktologische Kenntniß der Steine, ein großer Vorsprung in derBaukunst. Auf dieser Reise hoff ich will ich mein Gemüth über die schönenKünste beruhigen, ihr heilig Bild mir recht in die Seeleprägen und zum stillen Genuß bewahren. Dann aber mich zu den Handwerckern wenden, und wenn ich zurückkomme, Chymieund Mechanik studiren. Denn die Zeit des Schönen ist vorübernur die Noth und das strenge Bedürfniß erfordern unsreTage. Ich habe schon Vorgedancken und Vorgefühle über das Wiederaufleben der Künste in Italien, in der mittlern Zeit, und wieauch diese Asträa wieder bald die Erde verlies und wie das alleszusammenhängt. Wie mir die Römische Geschichte entgegensteigt! Schade schade meine Geliebte! alles ein wenig spät. O daßich nicht einen klugen Engländer zum Vater gehabt habe, daß ich das alles allein, ganz allein habe erwerben und erobern müssen,und noch muß. Es regnet und ich sitze am Camin. wann werd ich dir an demMeinigen wieder Thee vorsetzen. Da ich dir Caffee von Alexandrien versprach, dachtest du wohl nicht daß ich ihn selbst in Venedig hohlen würde. Ich habeschon an verschiednen Orten gefragt und durch Kundige fragenlaßen, noch aber trau ich nicht, ich muß ganz gewiß seyn. Derwelchen ich gesehen, sollten 7 ℔ einen Dukaten gelten, das wärenicht viel. Freylich macht der Transport bis in das mittelländische Thüringen noch etwas aus, genug aber du sollst dessenhaben. Gestern bin ich nicht nach meinem Vorsatz in die Commödiegekommen. Heut hoff ich eine Tragödie zu sehn und bin rechtneugierig darauf. Mit der Baukunst geht es täglich besser. Wenn man ins Wasserkommt lernt man schwimmen. Ich habe mir nun auch die Ordnungender Säulen rational gemacht und kann das Warummeist schon angeben. Nun behalt ich auch die Maaße und Verhältniße die mir als blos Gedächtnißwerck immer unbegreiflichund unbehaltbar blieben. Ein Wort vom Bucentaur . Es ist eine Pracht Galeere. Aberein schöner Gedancke und gut ausgeführt. Ich komme immerauf mein altes zurück wenn der Künstler einen ächten Gegenstand hat; so kann er etwas ächtes machen. Hier war die Aufgabeeine Galeere zu machen die werth wäre die Häupter einerRepublick, an dem feyrlichsten Tage zum Sakramente ihrer althergebrachten herrschafft zu tragen. Und es ist brav ausgeführt.Ganz Zierath! Also darf mam nicht sagen mit Zierrath überladen. Ganz Schnitzwerk und verguldet, sonst zu keinem Gebrauch,eine wahre Monstranz um dem Volck seine Häupterrecht herrlich zu zeigen. Und wir wissen daß das Volk, wie esgern seine Hüte schmückt, auch seine Obern gerne herrlich undgeputzt sieht. Es ist ein rechtes Familienstück, woran man sehn kann was die Venetianer waren und sich zu seyn dünckten. Ich schreibe dir so alles hin daß ich nicht viel zu erzählen habenwerde. Wohl kann ich sagen daß ich keinen Gedanken, der mirnur werth dünkt gehabt habe, ohne ihn wenigstens mit einigenWorten anzuzeigen. Da es noch nicht Komm. Zeit ist ein Wort von Palladio das andie gestrigen paßt. Ich habe an seinen ausgeführten Wercken,besonders den Kirchen, manches tadelns würdige gesehn, neben dem Größten, so daß es mir war als wenn er dabey stünde undmir sagte: das und das hab ich wider willen gemacht, aber doch gemacht, weil ich nur auf diese Weise unter diesen gegebnenUmständen meiner höchsten Idee am nächsten kommen konnte. Es scheint mir er habe bey Betrachtung eines Platzes, einerHöhe und Breite, einer schon stehenden Kirche, eines älterenHauses, wozu er Facaden errichten sollte, nur überlegt: wie bringst du hier das Ganze in die größte Form, im einzelnenmußt du eins und das andre verpfuschen, da oder dort wird eine Inkongruität entstehen, aber das mag seyn das Gantze wird einenhohen Styl haben und du wirst dir zur Freude arbeiten. undso hat er das große Bild was er in der Seele hatte auch dahingebracht wo es nicht ganz paßte, wo er es zerstücken und verstümmelnmußte. Drum ist mir der Flügel in der Carita so werth, weil er da ganz seinem Geiste gefolgt ist. Wäre es fertig;so würde vielleicht kein vollkommner Stück Baukunst jezt aufder Welt existiren. Dieses |: nämlich wie er gedacht und wie er gearbeitet :| wirdmir immer klärer, jemehr ich seine Wercke lese, oder vielmehr sehe wie er die Alten behandelt. Denn er macht wenig Worte siesind aber alle gewichtig. Es ist das vierte Buch von AntikenTempeln, das eine rechte Einleitung ist Rom mit Sinn zu sehen. Recht merckwürdig ist wie andre Baumeister vor und nach ihm,an diesen Schwürigkeiten gekaut haben und wie diese sich mit einer goldnen Mittelmäsigkeit aus der Sache gezogen haben. Ichwill das alles noch besser faßen wenn ich nur erst die unternClaßen durchlaufen habe. Nachts. Ich komme noch lachend aus der Tragödie auf meine Stube und erzähle dir s vor Schlafengehn. Das Stück war nicht schlimm.Der Verfaßer hatte alle tragische Matadors zusammen gestecktund die Schauspieler hatten gut spielen. Die meisten Situationenwaren bekannt, einige aber neuer und ganz glücklich. Zuletzt blieb nichts übrig als daß die beyden Väter sich erstachen, welches auch glücklich vonstatten ging. Worauf unter grosem Händeklatschender Vorhang fiel. Aber das Klatschen vermehrte sichnur, es ward fuora gerufen und endlich bequemten sich die zweyHauptpaare, hinter dem Vorhang hervorzukriechen, ihre Bücklingezu machen und auf der anderen Seite wieder abzugehn. Das Publikum war noch nicht befriedigt, sondern klatschte fortund rief: i morti! – das dauerte so lang biß die zwey Alten auchherauskamen und sich bückten, da denn einige Stimmen riefen: bravi i morti! Es wurde ihnen viel geklatscht und sie gingen ab. Es verliert diese Poße viel wenn man nicht das bravo! bravi! das die Italiäner immer im Munde haben, so in den Ohren hat wieich, und dann auf einmal auch sogar die Todten mit diesem Ehrenwort anrufen hört. Ich habe recht innerlich gelacht. GuteNacht! Felicissima notte! sagt der Ital.

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