Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 12. 3. 1787 (WA I 31, 40)
Der Morgen war kalt und feuchtlich, es hatte wenig geregnet. Ich gelangte auf einen Platz, wo die großen Quadern des Pflasters reinlich gekehrt erschienen. Zu meiner großen Verwunderung sah ich auf diesem völlig ebenen gleichen Boden eine Anzahl zerlumpter Knaben im Kreise kaufend, die Hände gegen den Boden gewendet, als wenn sie sich wärmten. Erst hielt ich’s für eine Posse, als ich aber ihre Mienen völlig ernsthaft und beruhigt sah, wie bei einem befriedigten Bedürfniß, so strengte ich meinen Scharfsinn möglichst an, er wollte mich aber nicht begünstigen. Ich mußte daher fragen, was denn diese Äffchen zu der sonderbaren Positur verleite und sie in diesen regelmäßigen Kreis versammle?
Hierauf erfuhr ich, daß ein anwohnender Schmied auf dieser Stelle eine Radschiene heiß gemacht ... Die dem Pflaster mitgetheilte Wärme benutzen sogleich die kleinen Huronen und rühren sich nicht eher von der Stelle, als bis sie den letzten warmen Hauch ausgesogen haben ...
Damit ich ja zur bestimmten Zeit heute bei dem wunderlichen Prinzeßchen Fieschi Ravaschieri di Satriano wäre und das Haus nicht verfehlte, berief ich einen Lohnbedienten. Er brachte mich vor das Hofthor eines großen Palastes, und da ich ihr keine so prächtige Wohnung zutraute, buchstabirte ich ihm noch einmal auf’s deutlichste den Namen; er versicherte, daß ich recht sei ... Gegen mir über ein großes Portal und eine breite gelinde Treppe. An beiden Seiten derselben hinaufwärts, in kostbarer Livree, Bedienten gereiht, die sich, wie ich an ihnen vorbei stieg, auf’s tiefste bückten. Ich schien mir der Sultan in Wielands Feeenmärchen und faßte mir nach dessen Beispiel ein Herz. Nun empfingen mich die höheren Hausbedienten, bis endlich der anständigste die Thüre eines großen Saals eröffnete, da sich denn ein Raum vor mir aufthat, den ich eben so heiter aber auch so menschenleer fand als das Übrige. Bei’m Auf- und Abgehen erblickte ich, in einer Seitengalerie, etwa für vierzig Personen, prächtig, dem Ganzen gemäß eine Tafel bereitet. Ein Weltgeistlicher trat herein; ohne mich zu fragen, wer ich sei, noch woher ich komme, nahm er meine Gegenwart als bekannt an und sprach von den allgemeinsten Dingen.
Ein paar Flügelthüren thaten sich auf, hinter einem ältlichen Herrn, der herein trat, gleich wieder verschlossen. Der Geistliche ging auf ihn los, ich auch, wir begrüßten ihn mit wenigen höflichen Worten, die er mit bellenden stotternden Tönen erwiderte, so daß ich mir keine Sylbe des hottentottischen Dialekts enträthseln konnte. Als er sich an’s Kamin gestellt, zog sich der Geistliche zurück und ich mit ihm. Ein stattlicher Benedictiner trat herein, begleitet von einem jüngeren Gefährten; auch er begrüßte den Wirth, auch er wurde angebellt, worauf er sich denn zu uns an’s Fenster zurückzog ... Ich fragte nach Monte Cassino, er lud mich dahin und versprach mir die beste Aufnahme. Indessen hatte sich der Saal bevölkert: Officiere, Hofleute, Weltgeistliche, ja sogar einige Capuziner waren gegenwärtig. Vergebens suchte ich nach einer Dame, und daran sollte es denn auch nicht fehlen. Abermals ein paar Flügelthüren thaten sich auf und schlossen sich. Eine alte Dame war herein getreten, wohl noch älter als der Herr, und nun gab mir die Gegenwart der Hausfrau die völlige Versicherung, daß ich in einem fremden Palast, unbekannt völlig den Bewohnern sei. Schon wurden die Speisen aufgetragen und ich hielt mich in der Nähe der geistlichen Herren, um mit ihnen in das Paradies des Tafelzimmers zu schlüpfen, als auf einmal Filangieri mit seiner Gemahlin hereintrat, sich entschuldigend, daß er verspätet habe. Kurz darauf sprang Prinzeßchen auch in den Saal, fuhr unter Knixen, Beugungen, Kopfnicken an allen vorbei auf mich los. „Es ist recht schön, daß Sie Wort halten!“ rief sie, „Setzen Sie sich bei Tafel zu mir, Sie sollen die besten Bissen haben. Warten Sie nur! ich muß mir erst den rechten Platz aussuchen, dann setzen Sie sich gleich an mich.“ So aufgefordert folgte ich den verschiedenen Winkelzügen, die sie machte, und wir gelangten endlich zum Sitze, die Benedictiner gerade gegen uns über, Filangieri an meiner andern Seite. – „Das Essen ist durchaus gut“, sagte sie, „alles Fastenspeisen, aber ausgesucht, das Beste will ich Ihnen andeuten. Jetzt muß ich aber die Pfaffen scheren. Die Kerls kann ich nicht ausstehen; sie hucken unserm Hause tagtäglich etwas ab. Was wir haben, sollten wir selbst mit Freunden verzehren!“ – Die Suppe war herumgegeben, der Benedictiner aß mit Anstand. – „Bitte sich nicht zu geniren, Hochwürden“, rief sie aus, „ist etwa der Löffel zu klein? Ich will einen größern holen lassen, die Herren sind ein tüchtiges Maulvoll gewohnt.“ – Der Pater versetzte: Es sei in ihrem fürstlichen Hause alles so vortrefflich eingerichtet, daß ganz andere Gäste als er eine vollkommenste Zufriedenheit empfinden würden.
Von den Pastetchen nahm sich der Pater nur eins, sie rief ihm zu: er möchte doch ein halb Dutzend nehmen! Blätterteig, wisse er ja, verdaue sich leicht genug. Der verständige Mann nahm noch ein Pastetchen, für die gnädige Attention dankend, als habe er den lästerlichen Scherz nicht vernommen. Und so mußte ihr auch bei einem derbern Backwerk Gelegenheit werden, ihre Bosheit auszulassen: denn als der Pater ein Stück anstach und es auf seinen Teller zog, rollte ein zweites nach. – „Ein drittes“, rief sie, „Herr Pater, Sie scheinen einen guten Grund legen zu wollen!“ – „Wenn so vortreffliche Materialien gegeben sind, hat der Baumeister leicht arbeiten!“ versetzte der Pater. – Und so ging es immer fort, ohne daß sie eine andere Pause gemacht hätte, als mir gewissenhaft die besten Bissen zuzutheilen.
Ich sprach indessen mit meinem Nachbar von den ernstesten Dingen. Überhaupt habe ich Filangieri nie ein gleichgültiges Wort reden hören. Er gleicht darin, wie in manchem andern, unserm Freunde Georg Schlosser, nur daß er, als Neapolitaner und Weltmann, eine weichere Natur und einen bequemern Umgang hat.
Diese ganze Zeit war den geistlichen Herren von dem Muthwillen meiner Nachbarin keine Ruhe gegönnt, besonders gaben ihr die zur Fastenzeit in Fleischgestalt verwandelten Fische unerschöpflichen Anlaß gott- und sittenlose Bemerkungen anzubringen, besonders aber auch die Fleischeslust hervorzuheben und zu billigen, daß man sich wenigstens an der Form ergötze, wenn auch das Wesen verboten sei.
Ich habe mir noch mehr solcher Scherze gemerkt, die ich jedoch mitzutheilen nicht Muth habe. Dergleichen mag sich im Leben und aus einem schönen Munde noch ganz erträglich ausnehmen, schwarz auf weiß dagegen wollen sie mir selbst nicht mehr gefallen ...
Das Dessert war aufgetragen und ich fürchtete, nun gehe es immer so fort; unerwartet aber wandte sich meine Nachbarin ganz beruhigt zu mir und sagte: „Den Syracuser sollen die Pfaffen in Ruhe verschlucken, es gelingt mir doch nicht einen zu Tode zu ärgern, nicht einmal daß ich ihnen den Appetit verderben könnte. Nun lassen Sie uns ein vernünftiges Wort reden! Denn was war das wieder für ein Gespräch mit Filangieri! Der gute Mann! er macht sich viel zu schaffen. Schon oft habe ich ihm gesagt: wenn ihr neue Gesetze macht, so müssen wir uns wieder neue Mühe geben um auszusinnen, wie wir auch die zunächst übertreten können, bei den alten haben wir es schon weg. Sehen Sie nur einmal, wie schön Neapel ist, die Menschen leben seit so vielen Jahren sorglos und vergnügt, und wenn von Zeit zu Zeit einmal einer gehängt wird, so geht alles Übrige seinen herrlichen Gang“. Sie that mir hierauf den Vorschlag, ich solle nach Sorrent gehen, wo sie ein großes Gut habe, ihr Haushofmeister werde mich mit den besten Fischen und dem köstlichsten Milch-Kalbfleisch (mungana) herausfüttern. Die Bergluft und die himmlische Aussicht sollten mich von aller Philosophie curiren, dann wollte sie selbst kommen, und von den sämmtlichen Runzeln, die ich ohnehin zu früh einreißen lasse, solle keine Spur übrig bleiben, wir wollten zusammen ein recht lustiges Leben führen.
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