Normalzeugnis Zeugnis
Dichtung und Wahrheit V (WA I 26, 272)
Je mehr sich ... mein Entzücken steigerte, desto weher that es mir, sie nicht unmittelbar besuchen, sie nicht wieder sehen und sprechen zu können: denn ich fürchtete die Vorwürfe der Vettern und ihre Zudringlichkeit. Den guten Pylades, der die Sache vermitteln konnte, wußte ich nicht anzutreffen. Ich machte mich daher den nächsten Sonntag auf nach Niederrad, wohin jene Gesellen gewöhnlich zu gehen pflegten, und fand sie auch wirklich. Sehr verwundert war ich jedoch, da sie mir, anstatt verdrießlich und fremd zu thun, mit frohem Gesicht entgegen kamen. Der Jüngste besonders war sehr freundlich, nahm mich bei der Hand und sagte: „Ihr habt uns neulich einen schelmischen Streich gespielt, und wir waren auf euch recht böse; doch hat uns euer Entweichen und das Entwenden der poetischen Epistel auf einen guten Gedanken gebracht, der uns vielleicht sonst niemals aufgegangen wäre. Zur Versöhnung möget ihr uns heute bewirthen, und dabei sollt ihr erfahren, was es denn ist, worauf wir uns etwas einbilden, und was euch gewiß auch Freude machen wird.“ Diese Anrede setzte mich in nicht geringe Verlegenheit: denn ich hatte ungefähr so viel Geld bei mir, um mir selbst und einem Freunde etwas zu Gute zu thun; aber eine Gesellschaft, und besonders eine solche, die nicht immer zur rechten Zeit ihre Gränzen fand, zu gastiren, war ich keineswegs eingerichtet; ja dieser Antrag verwunderte mich um so mehr, als sie sonst durchaus sehr ehrenvoll darauf hielten, daß jeder nur seine Zeche bezahlte. Sie lächelten über meine Verlegenheit, und der Jüngere fuhr fort: „Laßt uns erst in der Laube sitzen und dann sollt ihr das Weitre erfahren.“ Wir saßen, und er sagte: „Als ihr die Liebesepistel neulich mitgenommen hattet, sprachen wir die ganze Sache noch einmal durch und machten die Betrachtung, daß wir so ganz umsonst, andern zum Verdruß und uns zur Gefahr, aus bloßer leidiger Schadenfreude, euer Talent mißbrauchen, da wir es doch zu unser aller Vortheil benutzen könnten. Seht, ich habe hier eine Bestellung auf ein Hochzeitsgedicht, so wie auf ein Leichencarmen. Das zweite muß gleich fertig sein, das erste hat noch acht Tage Zeit. Mögt ihr sie machen, welches euch ein Leichtes ist, so tractirt ihr uns zweimal, und wir bleiben auf lange Zeit eure Schuldner.“ – Dieser Vorschlag gefiel mir von allen Seiten: denn ich hatte schon von Jugend auf die Gelegenheitsgedichte, deren damals in jeder Woche mehrere circulirten, ja besonders bei ansehnlichen Verheirathungen dutzendweise zum Vorschein kamen, mit einem gewissen Neid betrachtet, weil ich solche Dinge eben so gut, ja noch besser zu machen glaubte. Nun ward mir die Gelegenheit angeboten, mich zu zeigen, und besonders mich gedruckt zu sehen. Ich erwies mich nicht abgeneigt. Man machte mich mit den Personalien, mit den Verhältnissen der Familie bekannt; ich ging etwas abseits, machte meinen Entwurf und führte einige Strophen aus. Da ich mich jedoch wieder zur Gesellschaft begab, und der Wein nicht geschont wurde, so fing das Gedicht an zu stocken, und ich konnte es diesen Abend nicht abliefern. „Es hat noch bis morgen Abend Zeit, sagten sie, und wir wollen euch nur gestehen, das Honorar, welches wir für das Leichencarmen erhalten, reicht hin, uns morgen noch einen lustigen Abend zu verschaffen. Kommt zu uns: denn es ist billig, daß Gretchen auch mit genieße, die uns eigentlich auf diesen Einfall gebracht hat.“ – Meine Freude war unsäglich. Auf dem Heimwege hatte ich nur die noch fehlenden Strophen im Sinne, schrieb das Ganze noch vor Schlafengehn nieder und den andern Morgen sehr sauber in’s Reine.
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