Normalzeugnis Zeugnis
Lotte Jacobi an Maria und J. G. Jacobi 6. 12. 1792 (Heyderhoff S. 52)
Die Tante wird Euch gesagt haben, denn ich trugs ihr auf, was für einen Gast ein freundlicher Genius vorgestern vor 4 Wochen uns Abends bescherte, u. den wir bis vorgestern Morgen behalten haben. Da ich nicht weiß, was Euch alles mitgetheilt worden, so mag ich hier nicht weitläufig über ihn werden. Du kannst uns aber ausfrathschelen, lieber George, was Du gerne noch wißen mögtest, wir wollen pünktlich antworten. Du kennst Goethe zum theil, wie gönnte ich Dir, daß Du ihn ganz kenntest, so wie wir ihn diese Wochen immer näher gesehen haben. Es ist ein unvergleichbarer Mensch von Kopf, Herz u. Sinn. Die Tage mit ihm floßen wie einzelne Stunden. Er gab uns viel, hat aber auch durch Fritz noch mehr empfangen, viel schönes u. hoffentlich bleibendes Gute. Eine ganze neue Existens des Denkens hat sich für ihn geöfnet u. auch das, was Lavater irgendwo sagt: „Es ist in diesem Erdenleben mächtige Erquickung, Menschen zu finden, die an unser Herz glauben u. an welche das Herz glauben darf“ – ist ihm hier worden u. hat mächtig sein Innerstes aufgerührt ...
Deine Geschichte von den Adelsbriefen, welche er der Krieg in Euer Haus jagte u. wieder heraus, die unstät u. flüchtig wie die armen Sünder kein Mensch aufnehmen wollte, hat uns königlich ergötzt, so auch Goethe, den wir sie mittheilten, u. Graf Neßelrod, der ein Graf ist, deßen Herz seinen Adel ehrt wenn einer. Schade, daß der Holzschnitt nicht zu stande kam, er würde allerliebst lustig ausgefallen seyn ...
Goethe war in der Seele betrübt, als er von uns schied. Der Abschied, man sah es seinem blassen Gesichte an, kostete ihn unendlich. Er hat seinen Weg über Paterborn genommen u. wird zwey Tage bey der Prinzeßinn v. Fürstenberg zubringen.
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