Normalzeugnis Zeugnis

B. R. Abeken (Abeken2 S. 160)

Gegen Abend (25. Juli 1825) besuchte ich mit Voß eine Mamsell F., eine Elsasserin, die für die Töchter der Honoratioren Kreuznachs eine Schule hielt. Bei ihr fanden wir ihre Mutter, eine Frau weit über siebzig und fast taub, deren Gesichtsbildung aber mich interessirte. Sie nahm Theil am Gespräch, wobei die Tochter, gewöhnt sich der Harthörigen verständlich zu machen, Dolmetscherin war. Ich erkundigte mich nach Straßburg, nach der Gegend, in welcher die Frauen zu Hause waren; und so kam ich auf das durch Goethes Schilderung so bekannt gewordene Sesenheim. Da war die Mutter heimisch gewesen und hatte die Pfarrersfamilie oft besucht. Ich fragte, ob die Liebenswürdigkeit Friederikens zur Wahrheit oder zur Dichtung gehöre? Da brach der Strom los. Die Alte hatte das junge Mädchen genau gekannt und wußte nun nicht genug von dessen Anmuth und Güte zu rühmen. Sie hörte nicht auf zu erzählen, und die Tochter half ein. „Da bin ich einmal“ – so die Mutter – „zu Tisch in der Pfarr in Gesellschaft. Die Friederike versorgt die Kinder, die mit zu Gast sind, in der Nebenstube, wo auch andre junge Leute sind; die Eltern und andre Fremde speisen im größeren Zimmer. Nun seh’ ich, wie die Friederike aus einer Schüssel Hühner-Fricassée die besten Bissen aussucht, die Leberchen und Bruststücken u.s.w. Ich sprach: Frau Base, was ist mit der Friederike? Die ist sonst so demüthig, und nun nimmt sie das Beste vom Essen? Ach, spricht sie, laßt sie nur; das ist nicht für sie. Schauen Sie in die andre Stube, da sitzt ein junger Herr, zu dem werden die guten Bissen schon den Weg finden. Ich schau’ hin, und sehe da einen schmucken jungen Student sitzen; der kriegt’ auch Alles. Das war Goethe.“ Und nun erzählte die gute Alte weiter, wie Friederike an diesem gehangen, wie sie nach seinem Abschiede mehrere gute Partieen habe thun können, wie sie diese abgelehnt und bis an ihren Tod Goethes Porträt in ihrer Schlafstube aufgehängt bewahrt habe ... Auf Goethe war die Erzählerin übrigens nicht böse. „Man weiß ja, wie es mit den Herren Studenten geht“, sagte sie, „und er konnte damals an Heirathen nicht denken.“

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