Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 19. Oktober 1786
d 19 Abends.
Ich möchte dir nun auch gerne wieder einmal ein ruhig, vernünftigesWort schreiben denn diese Tage her wollt es nicht mitmir. Ich weiß nicht wie es diesen Abend seyn wird. Mir läuft dieWelt unter den Füßen fort und eine unsägliche Leidenschafft treibt mich weiter. Der Anblik des Raphaels und ein Spazierganggegen die Berge heut Abend haben mich ein wenig beruhigtund mich mit leisem Band an diese Stadt geknüpft. Ich sagedir alles wie mir ist und ich schäme mich vor dir keinerSchwachheit.
Zuerst denn die Cecilie von Raphael. Es ist was ich voraus wußtenun aber mit Augen sah. Er hat eben gemacht was andre zumachen wünschten. Um ihn zu erkennen, ihn recht zu schätzen,und ihn auch wieder nicht als einen Gott zu preisen, der wieMelchisedech ohne Vater und Mutter erschiene, muß man seine Vorgänger, seinen Meister ansehn. Diese haben auf dem festenBoden der Wahrheit Grund gefaßt, sie haben die breiten Fundamente,emsig, ja ängstl. gelegt, sie haben mit einander wetteifernddie Pyramide stufenweiße in die Höhe gebracht, bis zuletzt er, von allen diesen Vortheilen unterstützt, von einem himmlischen Genius erleuchtet die Spitze der Pyralnide, denletzten Stein aufsetzte, über dem kein andrer, neben dem keinandrer stehn kann. Uber das Bild mündlich denn es ist weiternichts zu sagen als daß es von ihm ist. Fünf Heilige nebeneinander, die uns alle nichts angehn, deren Existenz aber so vollkommen ist daß man dem Bilde ein Dauer in die Ewigkeitwünscht, wenn man gleich zufrieden ist selbst aufgelößt zu werden.
Die Älteren Meister seh ich mit besonderm Interesse, auch seine erste Sachen. Francesko di Francia ist gar ein respecktabler Künstler. Peter Perugin daß man sagen möchte eine ehrlichedeutsche Haut.
Hätte doch das Glück Albert Dürern über die Alpen geführt. In München hab ich ein Paar Stücke von ihm von unglaublicherGroßheit gesehn. Der arme Mann! statt seiner niederländischen Reise wo er den Papageyen einhandelte pp. Es ist mir unendlich rührend so ein armer Narr von Künstler, weil es im Grunde auchmein Schicksal ist, nur daß ich mir ein klein wenig beßer zuhelfen weiß.
Der Phasanen Traum fängt an in Erfüllung zu gehn. Denn warrlich was ich auflade kann ich wohl mit dem köstlichsten Geflügelvergleichen, und die Entwicklung ahnd ich auch.
Im Pallast. hab ich ein St. Agatha von Raphael gefunden, die wenn gleich nicht ganz wohl erhalten ein kostbares Bild ist.
Er hat ihr eine gesunde, sichre Jungfraulichkeit gegeben ohne Reitz, doch ohne Kälte und Roheit. Ich habe mir sie wohl gemercktund werde diesem Ideal meine Iphigenie vorlesen undmeine Heldinn nichts sagen laßen was diese Heilige nicht sagenkönnte.
Von allem andern muß ich schweigen. Was sagt man als daß man über die unsinnigen Süjets endlich selbst Toll wird. Es istals da sich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschenvermählten da wurden Ungeheuer daraus. In dem der himmlischeSinn des Guido, ein Pinsel der nur das vollkommenste wasin unsre Sinne fällt hätte mahlen sollen, dich anzieht, möchtest du die Augen von den abscheulichen, dummen, mit keinenScheltworten der Welt genug zu erniedrigenden Gegenständenabwenden.
und so gehts durchaus.
Man ist immer auf der Anatomie, dem Rabenstein, dem Schindanger, immer Leiden des Helden nie Handlung. Nieein gegenwärtig Interesse, immer etwas phantastisch erwartetes.Entweder Mißethäter oder Verzükte, Verbrecher oder Narren.Wo denn nun der Mahler um sich zu retten einen nackten Kerl,eine schöne Zuschauerinn herbeyschleppt. Und seine geistliche Helden als Gliedermänner tracktirt und ihnen recht schöne Faltenmäntelüberwirft. Da ist nichts was nur einen Menschenbegriff gäbe. Unter 10 Süjets nicht eins das man hätte mahlensollen und etwa das eine hat er nicht von der rechten Seitenehmen dürfen. Der große Guido p. ist alles was man mahlen, und alles was unsinniges bestellen und von einem Mahler fordern kann es ist ein votives Bild, ich glaube der ganze Senathat es gelobt und auch bestellt. Die beyden Engel die werthwären eine Psyche in ihrem Unglück trösten müßen hier – DerHeil Prokulus der ein Soldat war ist eine schöne Figur, aberdann die andern Bischöffe und Pfaffen.
Unten sind himmlische Kinder die mit Attributen pp spielen.
Der Mahler dem das Messer an der Kehle sas suchte sich zuhelfen wie er konnte um nur zu zeigen daß er nicht der Barbarsey, sondern die Bezähler. Zwey nackte Figuren von Guido ein Johannes in der Wüsten ein Sebastian wie kostlich gemahlt und was sagen sie? der Eine sperrt das Maul auf und der andrekrümmt sich.
Wir wollen die Geschichte dazu nehmen und du wirst sehn derAberglaube ist eigentlich wieder Herr über die Künste gewordenund hat sie zu Grunde gerichtet. Aber nicht er allein, auch das Enge bedürfniß der neuern, der nördlichen Völcker. Denn auchItalien ist noch nördlich und die Römer waren auch nur Barbaren,die das schöne raubten, wie man ein schönes Weib raubt.Sie plünderten die Welt und brauchten doch griechische Schneiderum sich die Lappen auf den Leib zu paßen.
Uberhaupt seh ich schon gar viel voraus.
Nur ein Wort! Wer die Geschichte so einer Granit Säule erzählenkönnte, die erst in Egyten zu einem Memphitischen Tempel zugehauen, dann nach Alexandrien geschlept wurde, ferner dieReise nach Rom machte, dort umgestürzt ward und nach Jahrhunderten wieder aufgerichtet und einem andern Gott zu Ehrenzu rechte gestellt. O meine Liebe was ist das größt des Menschenthunsund treibens. Mir da ich ein Künstler bin, ist dasliebste daran daß alles das dem Künstler Gelegenheit giebt zu zeigen was in ihm ist und unbekannte Harmonien aus den Tiefen der Existenz an das Tageslicht zu bringen.
Zwey Menschen denen ich das Beywort groß ohnbedingt gebe,hab ich näher kennen lernen Palladio und Raphael. Es war anihnen nicht ein Haarbreit willkührliches, nur daß sie dieGränzen und Gesetze ihrer Kunst im Höchsten Grade kannten und mit Leichtigkeit sich darinnen bewegten, sie ausübten,macht sie so groß.
Gegen Abend war ich auf dem Thurm. Die Aussicht ist herrlich.Gegend Norden sieht man die Paduanischen Berge dann dieSchweitzer, Tyroler Friauler Gebirge, genug die ganze nördlicheKette, letztere diesmal im Nebel. Gegen Abend ein unbegränzterHorizont aus dem nur die thürme von Modena herausstechen,gegen Morgen eine gleiche Ebne bis ans Adriatische Meer dasman Morgens sehen kann, gegen Mittag die Vorhügel der Apenninenbis an ihre Gipfel bepflanzt bewachsen, mit Kirchen, PallästenGartenhäusern besezt, so schön wie die Vicentinischen Berge. Es war ein ganz reiner Himmel kein Wölckgen, nur amHorizont eine Art Höherauch. Der Thürmer sagte daß nun seitsechs Jahren dieser Nebel nicht aus der Gegend komme. Sonsthabe er mit dem Sehrohr die Berge bey Vicenz genau mit ihrenHausgen u. s. w. unterscheiden konnen, jezt bey den hellsten Tagen nur selten, und der Nebel legt sich denn all an die nördlicheKette und macht unser liebes Vaterland zum wahren Zimmerien.
Er ließ mich auch die gesunde Lage und Lufft der Stadt daranbemercken, daß ihre Dächer wie neu aussehen und kein Ziegel durch Feuchtigkeit und Moos angegriffen ist. Es ist wahr siesind alle rein, aber die Güte ihrer Ziegeln mag auch etwas dazubeytragen, wenigstens in alten Zeiten haben sie solche kostbargebrannt.
Der hängende Thurn ist ein abscheulicher Anblick, man traut seinen Augen nicht und doch ist höchst wahrscheinlich daß er mit Absicht so gebaut worden. Er ist auch von Ziegeln, welchesein gar treffliches sichres Bauen ist, Kommen nun die EisernenBande dazu, so kann man freylich tolles Zeug machen.
Heut Abend ging ich nach dem Gebirg spazieren. Was das für schöne Liebliche Wege und Gegenstände sind. Mein Gemüthward erfreut und ein wenig beruhigt. Ich will mich auch faßenund abwarten, Hab ich mich diese 30 Jahre geduldet, werd ichdoch noch 14 tage überstehn.
Hundertfältig steigen die Geister der Geschichte aus dem Grabe, und zeigen mir ihre wahre Gestalt Ich freue mich nun auf so manches zu lesen und zu überdencken, das mir in Ermanglungeines sinnlichen Begriffs unerträglich war.
Die Bologneser Sprache ist ein abscheulicher Dialeckt den ichhier gar nicht gesucht hätte. Rauh und abgebrochen pp Ich verstehekein Wort wenn sie mit einander reden, das Venezianische ist mittagslicht dagegen.
Gute Nacht. Im Spazierengehn gedenck ich offt dein, und beyjeder guten Sache. Ich stelle mir s immer als möglich vor, dir dasalles noch sehn zu laßen.
Indeß und biß ich wiederkomme nimm mit meiner Schreiberey vorlieb. Heut Abend hab ich mich beßer als die Vergangnenbetragen. Gute Nacht.
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