Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, Lit. Zustände 1, 64

(Den 6. Febr. 1796 Abends bei Goethe? als Gotter da war.) Von den Gemmen, die Goethe aus Hemsterhuys’ Sammlung durch die Fürstin Gallizin besitzt, fing Meyer die vorzüglichsten zu zeichnen an. Zehn sind davon fertig. Auch zeichnete Meyer den priapischen Carpophoros, den Goethe von dem Herrn von Murr bei seiner Rückkehr aus Italien kaufte. Schon bei der Hinreise hatte ihn Murr und wollte 20 Dukaten dafür haben. Jetzt bekam ihn Goethe durch die feine Art, mit der er dem Brocanteur Gold zeigte, für die Hälfte. Hierbei einige Anekdoten von Murr’s Erwerbfleiß. Als Goethe bei ihm war, kam die Magd herein und hatte in einem Korbe alte Bücher, die eben draußen auf dem Trödel feil geboten würden. Murr beschwerte sich höchlich über den lästigen Überlauf und kaufte einige davon für wenige Kreuzer. Wollen Sie, sagte er zu Goethe, nicht etwa auch so einen Rathkauf machen? Goethe ließ sich wirklich beschwatzen und legte einige Zwanzigkreuzer hin. Hinterdrein erfuhr er, daß Murr den ganzen Boden voll solchen alten Praß, den er zentnerweise kauft, hat, und den Fremden, die bei ihm zusprechen, auf diese Weise einige Kreuzer ablockt, daß er ihnen unter dem Schein eines fremden Trödels einige davon aufhängt. Er hat selbst allerlei alte Schächer, Unkepunze u.s.w. drucken lassen. Diese verschenkt er an die Fremden, die sie aber durchaus nicht selbst mit nach Hause nehmen dürfen. Er schickt sie ihnen durch die Magd ins Logis und das Trinkgeld, was man dieser geben muß, bezahlt diese Maculatur vielfach. Vermuthlich ist die Magd auf diesen Erwerb angewiesen. Goethe kaufte herrliche Handzeichnungen und Cartons in Rom, unter andern einen Ezechiel von Pietro von Cortona und andere fast kolossalische Zeichnungen, zu denen er einen eigenen großen Saal, wie man etwa zu Florenz und Mailand für die Cartons besonders hat, haben müßte. Jetzt liegen sie auf seinem Boden zusammengerollt, und oft deliberirte er mit Meyer, ob er nicht die bloßen Köpfe davon besonders ausschneiden wollte. Meyer hat einen Poussin für ihn in Gouache gekauft, den er eben noch vom Untergange rettete, da das Weib kurz vorher drei andere Poussins, um die Leinwand zu bekommen, ausgewaschen hatte. Meyer ist zweifelhaft, ob er die Ariadne im Vatican oder die Madonna von Raphael in der Villa Borghese, oder die Aldobrandinische Hochzeit mit größtem Fleiße malen solle. Er fragte Goethe darüber, der ihm aber die Frage zurückschob. Meyer wird wol die Aldobrandinische Hochzeit malen. Hamilton in Neapel hatte in den frühern Jahren noch herrliche Gelegenheit, Antiken um ein Spottgeld zu kaufen. Als Goethe dort war, fand er selbst in seinem Gewölbe, wo verkäufliche Sachen standen, einige prächtige Candelabern, die aus Portici gestohlen worden, ganz nachlässig in Breter eingenagelt. Als Goethe wieder nach Rom zurückkam, hörte er, daß großer Lärm darüber entstanden sei und Hamilton habe sie dem König zurückgegeben. Jetzt mag Hamilton leicht selbst für eine gute Vase 20–30 Dukaten bezahlen müssen. Sonst konnte er sie wohlfeiler haben.

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