Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 27. Oktober 1786

d 27. Abends. Terni. Wieder in einer Höle sitzend, die vor einem Jahre vom Erdbebengelitten, wend ich mein Gebet zu dir mein lieber Schutzgeist. Wie verwöhnt ich bin fühl ich erst jetzt. Zehn Jahre mit dir zuleben von dir geliebt zu seyn und nun in einer fremden Welt. Ich sagte mir’s voraus und nur die höchste Nothwendigkeitkonnte mich zwingen den Entschluß zu faßen. Laß uns keinenandern Gedancken haben als unser Leben miteinander zu endigen. Terni liegt in einer köstlichen Gegend, die ich diesen Abend von einem Spazirgange um die Stadt mit Freude beschaute. Ein Priester ist seit Perugia, da mich der Graf Cesare verlassen meinGefährte. Dadurch daß ich immer wieder unter neue Menschenkomme, erreiche ich sehr meine Absicht und ich versichre dichman muß sie nur unter einander reden hören was das einem für ein lebendig Bild des ganzen Landes giebt. Sie haben unter einandereinen so sonderbaren National und Stadt Eifer, könnensich alle einander nicht leiden, die Stände sind im ewigen Streit und das alles mit immer lebhafter gegenwärtiger Leidenschafft,daß sie einem den ganzen Tag Comödie geben und sich blosstellen. Spoleto hab ich bestiegen und war auf dem Aquedukt der zugleich Brücke von einem Berg zum andern ist. Die zehen Bogen die das Thal füllen, stehn, von Backsteinenihre Jahrhunderte so ruhig da und das Wasser quillt noch immerin Spoleto an allen Orten und Enden. Das ist nun das dritteWerck der Alten das ich sehe, und wieder so schön natürlich, zweckmäsig und wahr. Diesen grosen Sinn den sie gehabt haben!– Es mag gut seyn wir wollen mehr davon sprechen. – Soverhaßt waren mir immer die Willkührlichkeiten. Der Winterkasten auf Weisenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurerConfekt Aufsaz und so mit Tausend andern Dingen. Was nicht eine wahre innre Existenz hat, hat kein Leben und kann nichtlebendig gemacht werden, und kann nicht gros seyn und nichtgros werden. Die nächsten vier Wochen werden mir voller Freuden und Müheseyn, ich will aufpacken was ich kann. Das bin ich gewiß und kann es sagen noch keine falsche Idee hab ich aufgepackt. Esscheint arrogant, aber ich weiß es, und weiß was es mich kostetnur das Wahre zu nehmen und zu fassen. St. Crucifisso halt ich nicht eigentlich für ein Uberbleibsel einesTempels. |: das heist eines Tempels der so stand :| sondern man hat Säulen Pfeiler, Gebälcke gefunden und zusammengeflicktnicht dumm aber toll. Eine Beschreibung wäre zu weitläufigund ists nicht werth. Die Römische Geschichte wird mir als wenn ich dabey gewesenwäre. Wie will ich sie studiren wenn ich zurückkomme, da ich nun die Städte und Berge und Thäler kenne. Unendlich interessantaber werden mir die alten Etrurier. In Fuligno konnt ich das Gemälde Raphaels nicht sehn es war Nacht, hier die Wasserfälle nicht es war bald Nacht. Bey meiner ersten kursorischenLesung Italiens muß und kann ich nicht alles mit nehmen. Rom! Rom! – Ich ziehe mich gar nicht mehr aus um früh gleichbey der Hand zu seyn. Noch zwey Nächte! und wenn uns derEngel des Herrn nicht auf dem Wege schlägt; sind wir da. Da ich auf die Apeninen von Bologna herauf kam, zogen die Wolcken noch immer nach Norden. Zum ersten sah ich sie gegen Mittag nach dem See von Perugia ziehen und hier bleibensie auch hängen, ziehn auch gegen Mittag. Das alles trifft mit meiner Hypothese recht gut überein. Und statt daß die grose Plaine des Po den Sommer alle Woklen nach dem Tyroler Gebirgschickt; so schickt sie jetzt einen Theil nach den Apeninenim Winter mehr |: die übrigen Wolcken bleiben auch hangen :|, daher die Regenzeit. Das Gebirg ist sich bis hierher immer mit wenigen Abweichungen gleich. Immer der alte Kalck, dessen Flötz Lagen auf diesenletzten Stationen immer sichtbarer wurden. Trevi liegt am Anfang einer schönen Plaine zwischen Bergen, alles ist noch Kalck, nichts Vulkanisches hab ich spüren können.Liegt aber eben wie Bologna drüben, so hüben an einem Ende. Vielleicht wird uns morgen etwas vorkommen. Volkm. sagts. Die Oliven fangen sie nun an abzulesen, sie thun es hier mit denHänden, an andern Orten schlagen sie sie. Wenn sie der Winter übereilt bleiben die übrigen biß gegen dasFrühjahr hängen. Heute hab ich auf sehr steinigem Boden die größten Ältsten Bäume gesehen. Heute früh ging ein recht kalter Wind, Abends war es wiederschön und wird morgen heiter seyn. Gute Nacht meine Liebste.Ich hoffe du hast nun meinen Brief von Venedig.

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