Normalzeugnis Zeugnis
Dorothea Veit an F. Schleiermacher 15. 11. 1799 (Mitteilungen Berlin NF 7, 21)
Gestern Mittag bin ich mit Schlegels. Caroline, Schelling, Hardenberg, und ein Bruder von ihm ein Lieutenant Hardenberg, im Paradise (so heißt ein Spaziergang hier), wer erscheint plözlich vom Gebirg herab? kein andrer als die alte göttliche Exellenz, Goethe selbst. er sieht die große Gesellschaft, und weicht etwas aus, wir machen ein geschicktes Manöver, die Hälfte der Gesellschaft zieht sich zurück, und Schlegels gehen ihn mit mir grade entgegen. Wilhelm führt mich. Friedrich und der Leutenant gehen hinter drein. W. stellt mich ihn vor, er macht mir ein auszeichnendes Compliment, dreht ordentlicher Weise mit uns um, und geht wieder zurück und noch einmal herauf mit uns, und ist freundlich und lieblich, und ungezwungen und aufmerksam gegen Ihre gehorsame Dienerin. Erst wollte ich nicht sprechen, da es aber gar nicht zum Gespräch zwischen ihn und W. kommen wollte, so dachte ich, hohl der T. die Bescheidenheit, wenn er sich ennuirt, so habe ich unwiederbringlich verloren! ich fragte ihn also gleich etwas, über die reissenden Ströhme in der Saale, er unterrichtete mich, und so ging es lebhaft weiter. ich habe mir ihn immer angesehen, und an alle seine Gedichte gedacht; dem W. Meister sieht er jezt am ähnlichsten. Sie müssten sich todt lachen wenn Sie hätten sehen können wie mir zu Muthe war, zwischen Goethe und S. zu gehen. Die Wasserprobe des Unmuths habe ich ehmals glücklich überstanden, werde ich auch die Feuerprobe des Uebermuths überstehen? – An Friedrich machte er auch ein recht auszeichnendes Gesicht, wie er ihn grüsste, das freute mich recht.
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