Normalzeugnis Zeugnis
D. Veit an Rahel Levin 3. 9. 1795 (Varnhagen2 2, 179)
Den zweiten Tag nach unserer Ankunft war Ball, und Goethe kam mir entgegen, mit den Worten: „Nun, wie geht’s Ihnen denn, lieber Herr Veit? Sie haben sich hieher gemacht; sehr Recht! Wo kommen Sie denn jetzt her?“ u.s.w. Als ich ihm hierauf geantwortet hatte, und ihm sagte, daß ich in Töplitz acht Tage gewesen, und hingereist wäre, um Sie zu sprechen. „Ja, da haben Sie wohl Recht gethan“, versetzte er, „wenn Sie sie in langer Zeit nicht gesehen hatten; freilich – Ja es ist ein Mädchen von außerordentlichem Verstand, die immer denkt, und von Empfindungen – – wo findet man das? Es ist etwas Seltenes. O wir waren auch beständig zusammen, wir haben sehr freundschaftlich und vertraulich mit einander gelebt.“ Zu Horn, der sich ihm von selbst präsentirte, hat er gesagt: Sie hätten stärkere Empfindungen, als er je beobachtet hätte, und dabei die Kraft, sie in jedem Augenblick zu unterdrücken, und noch mehr. (Ich war nicht zugegen.) Er ging fort und ich wieder zu Meyer’s ... Während des Tanzes saß er einmal allein; ich ging zu ihm hin, und habe über viel Sachen mit ihm gesprochen; mit mehr Wärme, und zugleich mit mehr Achtung für mich, habe ich ihn noch nicht mit mir sprechen hören. Ich fragte ihn nach seinen anatomischen Planen, und seinen Arbeiten überhaupt. Was er mir hierüber gesagt hat, und was besonders neu war, läßt sich in Kurzem darauf zurückführen. „Man sollte in der Naturgeschichte mehr raisonniren; denn das Raisonnement kann sehr viel helfen, und nie schaden, da jeder Naturkörper, jede Pflanze, jeder Knochen mich widerlegt, wenn ich gefehlt habe, und in der Naturlehre mehr Versuche machen; da man nicht leicht eine Hypothese aufstellen kann, für die sich nicht Erscheinungen finden, bei der Unendlichkeit der Natur, und den unzuberechnenden Modifikationen der Kräfte.“ Aber nun die Hauptsache. Nachdem wir ein Langes und Breites darüber und über die vielen unzuverlässigen Bücher gesprochen hatten, sagte ich ihm, daß mir sein litterarischer Sanskülotismus ein erstaunliches Vergnügen gemacht hätte, und er möchte es nicht für Unbescheidenheit nehmen, daß ich es ihm sagte. Wenn man selbst jung ist, Herr Geheimerath, so muß es Einen wohl freuen, wenn man sieht, daß ein Mann wie Sie, sich der Jugend und der jetzigen Zeit so sehr annimmt. „Warum für Unbescheidenheit? Mir ist das sehr lieb. Ja, warum soll ich mich überreden lassen, daß wir zurück gehen, wenn wir offenbar vorwärts kommen? und warum sollt’ ich mich nicht um alles bekümmern? Das, was heran wächst, was mir entgegen sproßt, – anderer Leute Kinder, oder meine, hier einerlei, das ist ja das Leben; nicht wahr, das ist das Leben?“ So sprachen wir noch lange, und gingen durch Zufall auseinander. Er hat mich seitdem oft angeredet, und wenn auch nur von albernem Zeug, Ortentfernungen, Reisen, doch immer einige Worte mit mir gesprochen. Auf einem andern Balle, wo Polinnen tanzten, sagte ich ihm einmal, gegen die Polen wären wir Deutschen doch nur eine Art Holländer und wie die Menschen mit Grazie tanzten! „Kein Wunder“, versetzte Goethe, „die Grazie ist ihnen eingeboren.“
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