Normalzeugnis Zeugnis
Müller, Unterhaltungen 9. 2. 1821 (Grumach S. 45)
Göthe erzählte, wie er ihn F. L. v. Kircheisen vor mehr als 20 Jahren einst in Carlsbaad als liebenswürdigen Gesellschafter kennen gelernt, und wie er ihm so klar als tüchtig, so wohlwollend als heiter, fast sanguinisch erschienen.
Eine schöne, muntre Pohlin Therese Brzozowska habe damals ihn, Goethe, sehr angezogen, so daß seine Freunde, und darunter auch Kircheisen, um seiner froh zu werden, sich genöthiget gesehen, sie in ihre Kreise zu ziehen. Bey ihrer Ankunft mit mehrern Landsmänninnen von der Menge ganz unbemerkt, fast wie ein Aschenbroedel, habe Er sie und ihren Werth bald entdeckt und wie eine Castanie aus der Asche hervorgesucht. Sie seyen sich lieber und lieber geworden, es sey da ein allerliebster Sarmatischer Hannswurst gewesen, voll Verstand, Laune, Frohsinn. Als aber am 15. Juli eine gewisse Polnische Fürstin Gräfin Ursula v. Dembińska angelangt, habe sie ihm plözlich gesagt: „Nun muß ich mich, der Verhältnisse wegen zu dieser halten und wir werden uns wohl nicht mehr allein sehen und sprechen dürfen.“ Das soll ganz von Ihnen abhängen, habe Er erwiedert und darauf sey sie ihm auch in der That nur noch in grösern Cirkeln, und zwar ganz gegen ihre bisherige Art, immer höchst prächtig geschmückt, sichtbar worden.
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