Normalzeugnis Zeugnis
Friederike Brun, Tagebuch 12. 7. 1795 (Dt. Rundschau 123, 237)
Heute sah er zuweilen leibhaftig aus wie sein Faust. Bald glaubte ich ihn auf dem Faß zu sehen, und dann glaubte ich wieder der Gottseibeiuns würde ihn auf der Stelle holen. Heute hatte ich eine sehr lehrreiche Unterhaltung über Italien mit diesem Proteus; „er habe seinen Zweck während seines 2jährigen Aufenthalts doch nicht erreicht, und warum? Denn wirklich, mir ist unbegreiflich wasdieser Adler nicht erreichen könnte, wenn er will. Er habe wollen so ins Anschauen der Kunst sich vertiefen, daß diese Vorstellung ganz objektiv, und sein ganzes Wesen, seine Ichheit in’s Anschauen der Schönheit übergegangen wäre, er so zu sagen sein Selbst darin verlohren hätte!“ Ich sagte ihm, dies sey noch aus der Agathonischen Schwärmerei von intellektueller Schönheit. O, Goethe wie irret Dein großer Geist umher! Die Erde war Dir zu niedrig und Du verschmähst den Himmel, welche Stunde wird die Deines Erwachens sein? Nun schwebt er zwischen Himmel und Hölle. Wenn Dein Sonnenblick sich dem neuen Lichte oeffnet, dem Du ihn mit wahrer Herzenshärte verschließest; was hat Dich zu diesem Trotze gegen alles das gebracht, welches doch so göttlich aus Dir redet? Denn wirklich ist in gewissen Momenten ein Blick in Goethes Auge ein Beweis für Unsterblichkeit mehr. Heute redete ich viel mit ihm über seine häuslichen Verhältnisse, seine Freunde, seinen Knaben. Wie er aus Scheu vor einer genauen Verbindung nach und nach mit einem Wesen, das Gleichheit der Denkart und Handlungsweise ihm lieb gemacht habe, in die genaueste Verbindung gerathen sei. Ich sagte ihm meine Freude an seiner Wahrhaftigkeit und Billigkeit. „Das erste ist man, weil man muß, das zweite so viel man kann,“ sagte er sehr bescheiden. Wir freuen uns aufrichtig unseres Bekanntwerdens, und er schließt mir von seinem Innern auf mit einer Treulichkeit, für die ihm mein Herz Dank weiß. Über Poesie, daß sie keinem Gesetz unterthan sey, als dem der Schönheit, und frei zwischen Himmel und Erde herum schwebe und sich keine Fesseln anlegen lassen müsse. Über Erziehung. Er hat einen Jüngling von 20 Jahren seit dem 5. gebildet, nun erzieht er nach denselben Grundsätzen sein Kind von 6 Jahren. „Daß man das Kind auf eignen Beinen stehen, mit eignen Augen sehen lasse, auf daß es selbstständig bleibe,“ ist ihm wie mir eine Hauptsache. Wirklich und wahr! Das erste ihm oft mehr wie das letzte, kraft seiner Anbetung der Gegenwart. Er scheint sehr kinderlieb zu sein. Am Abend war er hier bei uns mit der kleinen Levin und der Unzelmann, die sehr verständig thut und etwas Treuherziges in ihrem Blick hat, welches mir gefällt. Sein Ton mit Frauen, die nicht streng auf sich halten, ist nicht fein, und an zarter Grazie fehlt’s ihm überhaupt. Der Herr Rittmeister von Gualteri war ungebeten dazu gekommen, ein avantageuser fât, mit dem Goethe zu meinem Erstaunen sehr bekannt und vertraut thut, ihn aber dabei heimlich schraubt. Er sagte viel Treffliches über Theater und Kunst, daß man die Grenzen des ersteren nicht erweitern sollte. Moritz originale Idee mit dem Menschenantlitz im Meergewoge, als der vollendetesten Bildung, aus ungeheurer Formlosigkeit hervorgegangen. Ein sinnreicher Mythos! Über das Theater der Italiener, es habe eine bestimmte Norm und drehe sich im engen Kreise, in dem es vollkommen sey. Vergleich mit dem Französischen. Schönes Wort von Goethe über Schönheit, wie ich nach Moritz’ Äußerem fragte: „In Ihren Kinderjahren würden Sie ihn schön genannt haben“ (ich hatte ihm nämlich gesagt, wie ich Physionomie und Bildung verwechselte als Kind). „Das ist die Eigenschaft, die die Menschheit vor allen andern organisirten Wesen unterscheidet, daß wir freilich alle schön sein sollten, daß es aber nichts dazu thut, wenn wir’s auch nicht sind, weil die Moralitet aus uns spricht“ – und die Seele von Innen heraus das Ungebildete bildet und adelt, setzte ich hinzu, „Das nennen wir andern Menschen nun nicht so,“ sagte er etwas trocken und nicht ohne Bitterkeit. Wie er sich aus diesem Widerspruch heraus wickeln wird, soll mich verlangen. Er hat sehr viel mimisches Talent und kann aussehen wie der lebendige Miltonische Teufel, doch ist’s Schade um ein so edles Gebilde, es verzerrt zu sehen! Mittags mit meiner kleinen „Heidelbeere“ Levin geschwatzt, es ist ein herziges, sinnvolles Wesen, die so rein und unbefangen aus dem Schatz ihres guten Herzens mittheilt. Frl. von Bradele Hofdame aus Dresden. Eine Bachantin aus der Niederländischen Schule. Goethe studiert sie. Baron von Just aus Dresden. Feiner Fuchs, doch noch nicht fein genug.
Nachmittags kam Goethe, um mit mir zu Sarah und Marianna zu gehen; bis ich fertig war, lies er Lotte lesen. Er hat so viel Kindlichkeit und Einfalt in seinem Wesen wie alle erhabenen Geister. Bei Meiers war er gar hold, und Marianne, die holde Seele, geht ihm ans Herz. Er ist fertig mit dem 3ten Theil von Meister. „Ich bin der Redacteur jetzt, und sehe das Ding nach, wie das Werk eines Verstorbenen.“ ...
Nachmittags auf dem Ball. Frau von Dieden, Gemahlin des dänischen Ministers zu Regensburg ... Kleine Pohlin Therese Brzozowska, mit der Goethe viel sprach. Ein stiles, liebes Wesen. Goethe liebt die Leidenden und gesellt sich sanft und theilend zu ihnen. Wir redeten über das große unerschöpfliche Sujet „den Menschen“. Wie kein Mensch die ganz hehre Form u. Würde der Menschheit ausfülle und erreiche. Wie jeder Mensch in seinem Innern eine ganze Weltgeschichte erlebe. Über Kinder, man muß ihren Begierden entgegen kommen. Je lebhafter sie sind, um desto mehr, – weil nur aus innerer Begierde u. äußerem Widerstand Unwahrheit geboren wird. Aber ich mag’s nicht mehr abschreiben und skelettiren was er mit lebendigem Feuergeist gesagt und von sich offenbart. Nur so viel, es ist unmöglich unmaaßgeblicher und anspruchsloser zu sein, – ach, seine Forderungen sind nur zu eingeschränkt, nur wenige Worte über das Leiden, das er erduldet, ehe er nach und nach dahingekommen, wo er nun sei. „Es war gräßlich oft,“ und wie er sein Wesen in hohem Grade dem Publikum mitgetheilt, „aber mit großen Lücken,“ wie die zwischen der Iphigenie, dem Tasso und Faust. Alle seine neuen Produkte lagen 18 – 15 – 10 Jahre da.
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