Normalzeugnis Zeugnis

Italienische Reise. 2. 5. 1787 (WA I 31, 184)

In unserer Herberge befanden wir uns freilich sehr übel ... deßhalb sprachen wir Morgens zeitig mit dem freundlichen Wirthe. Er bedauerte, daß er uns nicht besser versorgen könne: „Da drüben aber ist ein Haus, wo Fremde gut aufgehoben sind und alle Ursache haben zufrieden zu sein.“ – Er zeigte uns ein großes Eckhaus, von welchem die uns zugekehrte Seite viel Gutes versprach. Wir eilten sogleich hinüber, fanden einen rührigen Mann, der sich als Lohnbedienter angab und, in Abwesenheit des Wirths, uns ein schönes Zimmer neben einem Saal anwies, auch zugleich versicherte, daß wir auf’s billigste bedient werden sollten. Wir erkundigten uns ungesäumt hergebrachter Weise, was für Quartier, Tisch, Wein, Frühstück und sonstiges Bestimmbare zu bezahlen sei? Das war alles billig, und wir schafften eilig unsere Wenigkeiten herüber, sie in die weitläufigen vergoldeten Commoden einzuordnen. Kniep fand zum erstenmale Gelegenheit seine Pappe auszubreiten; er ordnete seine Zeichnungen, ich mein Bemerktes. Sodann, vergnügt über die schönen Räume, traten wir auf den Balcon des Saals, der Aussicht zu genießen. Nachdem wir diese genugsam betrachtet und gelobt, kehrten wir um nach unsern Geschäften und siehe! da drohte über unserm Haupte ein großer goldener Löwe. Wir sahen einander bedenklich an, lächelten und lachten. Von nun an aber blickten wir umher, ob nicht irgendwo eins der Homerischen Schreckbilder hervorschauen möchte. Nichts dergleichen war zu sehen, dagegen fanden wir im Saal eine hübsche junge Frau, die mit einem Kinde von etwa zwei Jahren herumtändelte, aber sogleich von dem beweglichen Halbwirth derb ausgescholten dastand: Sie solle sich hinweg verfügen! hieß es, sie habe hier nichts zu thun. – „Es ist doch hart, daß du mich fortjagst“, sagte sie, „das Kind ist zu Hause nicht zu begütigen, wenn du weg bist, und die Herrn erlauben mir gewiß in deiner Gegenwart das Kleine zu beruhigen.“ Der Gemahl ließ es dabei nicht bewenden, sondern suchte sie fortzuschaffen, das Kind schrie in der Thüre ganz, erbärmlich, und wir mußten zuletzt ernstlich verlangen, daß das hübsche Madamchen dabliebe. Durch den Engländer gewarnt, war es keine Kunst die Komödie zu durchschauen, wir spielten die Neulinge, die Unschuldigen, er aber machte seine liebreiche Vaterschaft auf das beste gelten. Das Kind wirklich war am freundlichsten mit ihm, wahrscheinlich hatte es die angebliche Mutter unter der Thüre gekneipt. Und so war sie auch in der größten Unschuld dageblieben, als der Mann wegging, ein Empfehlungsschreiben an den Hausgeistlichen des Prinzen Biscaris Abbate Sestini zu überbringen. Sie dahlte fort, bis er zurückkam und anzeigte, der Abbé würde selbst erscheinen, uns von dem Näheren zu unterrichten.

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