Brief
An Dorothea von Knabenau (14. Oktober 1808)
Der Morgenstern, der mir diese Tage aufgegangen ist, ward besonders deshalb freundlich begrüßt und höchlich gepriesen, weil er die purpurnen Blätter über mich ausschüttete, die Ihre zarten Fingerchen mir bestimmt hatten. Und nun will ich auch Ihnen ohne weiteres Zaudern und Sinnen so gleich für Ihre Güte danken, obgleich der große Weltstrom immer noch um uns braust und die hohe Fluth von Kaisern Königen und Fürsten ⸮unsere Gegend noch nicht wieder verlassen hat. In Erfurt machte man uns hoffen, Ihre theure Fürstinn würde sich auch daselbst einfinden; worauf ich mich lebhaft freute. Es ist nicht geschehen und nun muß ⸮ich mich damit begnügen, die Versicherung meiner Anhänglichkeit und Verehrung in die Ferne zu senden. Ältere Bekanntschaften u Freund schaften haben vor neuen hauptsächlich das voraus, daß man sich einander schon viel verziehen hat; nun scheint, ⸮es liebenswürdige Freundinn, als wenn wir unser Verhältniß recht geschwind voll jährig machen wollten. Mir war schon manches zu verzeihen; aber auch Sie wollen nicht ⸮zurückbleiben, sie setzen mich in den Fall Ihnen auch Ihren letzten schönen ⸮langen bezaubernden Brief zu vergeben, da ich nicht geschwind finde, wie ich mich rächen soll.
Als eine wahre Taschenspielerinn und Tausendkünstlerinn sagen Sie mir voraus, daß Sie mich ärgern wollen / Sie lassen der Feder ganz natürlich ihren Lauf, ich folge mit den Augen und dem Herzen ihren Zügen, vergesse gutmü thig Ihre Drohungen und ärgere mich wirklich ehe ich’s mich versehe. Da ich weiß, daß Ihnen dieses mein Bekennt niß Freude macht, so thue ich es gern. dafür werden Sie mir aber auch unsere verehrte Fürstinn ⸮versöhnen, ver söhnt erhalten und sie auf alle Ihnen mögliche Weise überzeugen, wie sehr ich von dem gnädigen Versprechen eines unschätzbaren Denkzeichens gerührt bin, das mir ungeachtet meiner Verir rungen werden soll. Nach so viel Aeußerungen von Freundlichkeit und Gnade, Liebenswürdig keit u Güte ⸮die Ihr süßer Brief enthält , merke ich wohl, war es für unsere liebe künstlerische Freundinn eine schwere Aufgabe mich gleichfalls zu strafen und zu schonen, mich zu ver letzen und zu heilen. Sie wählt also nach ihrer ungeduldigen Art den kürzern Weg, nimmt ein doppelt erfreuliches Ver sprechen zurück und entreißt mir mit dürren Worten die Hoffnung, ein mit Sehnsucht erwartetes Bild zu gleich mit einem schätzenswerthen Muster stück ihrer Kunst zu sehen.
Doch eben dieser Lakonismus be lebt meine Hoffnung: denn ich vermuthe hinter dem ernsten Blick, den finstern Augen brauen auch nur eine quälerische Schalk heit und lebe der festen Zuversicht, daß mir von Osten (nicht aus dem Orient mit dem ich nicht in Verbindung stehe son dern von Löbichau) nach dem willkommenen Morgenstern und der willkommneren Morgenröthe nunmehr die Sonne der Gnade, Freundschaft u Liebe recht heiter durch die überhandnehmenden Herbst- Nebel durchbrechen werde. Sie, meine freudespendende geliebte Freundinn, werden gewiß das Ihrige dazu beytragen. Erscheinen Sie mir ja bald, wie es schon zugesagt ist und Sie sollen als die wohlthätigste aller Horen immerfort angebethet werden. Von meiner Seite will ich nicht verfehlen einiges zu senden, womit ich hoffe Ihnen willkommen zu seyn.
Fahren Sie fort mir manches zu ver zeihen, so wie auch dieses, daß ich durch eine fremde Hand schreibe. Wenn ich im Zimmer auf und abgehe, mich mit entfernten Freunden laut unterhalten kann und eine ver traute Feder meine Worte auffängt; so kann etwas in die Ferne gelangen. Mich hinzusetzen und selbst zu schreiben hat etwas peinliches u ängst liches, das mir den guten Humor, ja ich möchte beynah sagen die Ver traulichkeit lähmt. Rechnen Sie also auch diese Freyheit, die ich mir nehme, zu den Rechten der Monate und Jahre, die wir uns schon kennen sollten.
Ihr lieber Brief so oft ich ihn wie derlese, versetzt mich unmittelbar in Ihren Kreis und erregt in mir eine unendliche Sehnsucht. Schreiben Sie mir ja daher von Zeit zu Zeit, damit ich mich recht oft an der Heiterkeit Ihres Wesens erfreue und die Leichtigkeit Ihrer Feder beneide. Wie manches hätte ich Ihnen noch zu sagen und doch wollen wir dießmal das Blatt nicht umwenden. Daß ich der freundlichen Gnade, womit Ihre lieben Prinzessinnen die Unterhaltung einiger Abende aufgenommen, noch recht lebhaft eingedenk bin, versteht sich von selbst; doch bitte ich es in meinem Namen aus- zusprechen und mich ⸮ihnen sowie der dritten durch lauchtigen Schwester, deren Fest ich leider versäumt auf das angelegenste u an muthigste zu empfehlen
Weimar am 2 Jahrstag der Schlacht von Jena.
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