Normalzeugnis Zeugnis
Amalia Fürstin Gallitzin an Goethe 24. 1. 1795 (Trunz S. 92)
Ich kann mir ordentlich gram werden ... daß ich an Sie nicht geschrieben habe ... grade in der Zeit wo Jacobi, wie er mir gesagt hat, ihnen schrieb er habe mir ihre so genannte Heucheleien entdekt. In der that fühlte ich nie mehr Drang als grade in dieser Zeit mich ihnen mitzutheilen – ihnen wenigstens zu sagen: daß ihre Heucheleien meine Liebschaft mit ihnen um kein Härchen gestört – daß ich wofern sie wirklich in der Zeit da sie bey uns waren von Christum übler dachten als sie es zeigten, da sie kein Bedürfniß fühlten beßer von ihm zu denken, und wenn sie dieses auch gefühlt hätten, die befriedigung desselben bey meiner Dürftigkeit nicht suchen konnten, ihnen dafür dank wuste indem ich in ihrem betragen nur zarte Schonung sahe die ich nicht Heuchelei nennen mögte ... Was ich auf sie halte Lieber Göthe gründete sich weder auf das, was sie über Xtum und Religion geredet, noch auf das, was sie darüber mögen verschwiegen und gedacht haben, sondern auf den Glauben, daß sie das Schöne in allen Gattungen und arten, worin ihnen daßelbige ansichtig wird, mit dem lebhaftesten reichhaltigsten feinsten Gefühl das Mutter Natur ihnen dafür gab, überall, nicht nur auser sich zu umfassen, sondern, so viel davon als sie können durch Lebensähnlichkeit ... in sich zu bringen streben.
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