Normalzeugnis Zeugnis

F. H. Jacobi an Johanna Schlosser 10. 12. 1792 (Zoeppritz 1, 165)

Mir schaudert vor den Gewaltäußerungen dieses Volks nach Außen, während es in seiner Mitte vor einem Marat, einem Robespierre, einem Chabot und Bazire zittern muß. Ich sehe kaum wie das Volk der Franken am Ende nur ein Volk wird bleiben können. Ganz Europa muß sich jetzt dagegen vereinigen, wenn es nicht erfahren will, was es ehmals von Gothen, Hunnen und Vandalen erfuhr. Goethe, dem ich diesen Gedanken sagte, war äußerst davon frappirt ... Wäre ich gesund geblieben und ungeängstigt, so hättest Du einen ordentlichen Bericht von meinem Leben mit Goethe, während der 4 Wochen, die er hier zubrachte, von mir erhalten ... Nun muß ich mich damit begnügen, daß ich Dir versichre, Du thust Goethe gewiß unrecht, wenn Du ihn einer Verachtung gegen Schloßer beschuldigst. Ich habe ihn hierüber gleich den Morgen nach seiner Ankunft vorgenommen, und ihm mit dürren Worten gesagt, was mir Schloßer vorigen Sommer geschrieben hatte, nehmlich: „Wenn ihn Goethe verachte, sey er ein Narr, und wenn er etwas wider ihn habe und es ihm nicht sage, ein schlechter Mensch.“ – Es that ihm weh, dies zu hören, das sah ich, und es war ihm gewiß Ernst mit der Versicherung, daß er zwar Vorwürfe, aber nicht diese verdiene; er ehre und liebe Schlossern, aber Schlosser habe für ihn etwas unverträgliches, weswegen er sich vor ihm scheue. Dies war die Substanz von dem, was er vorbrachte. Er setzte hinzu, daß er sehr gewünscht und auch gehofft hätte, Euch in Carlsruhe zu besuchen. Denselbigen Morgen gab es Gelegenheit, daß ich ihm Schlossers jüngsten Brief zu lesen reichte. Göthe hatte nehmlich bey einer Stelle des Aristoteles, die ich ihm vorlas, sich gerade so geäußert, wie Schlosser über eine Stelle des Plato in diesem Briefe. Dieser ganze Brief machte ihm ungemeine Freude, er brachte ihm Schlossern in seiner ganzen Schönheit und Größe vor die Seele. Nachher hat er mich bey Gelegenheit oft gefragt: Weißt Du nicht wie Schlosser hievon denkt? – Mit dieser oder jener Sache, giebt sich Schlosser damit ab? – Wie weit haltet ihr auf diesem oder jenem Wege gleichen Schritt? u. d. – Den Tag vor seiner Abreise bat er jeden von uns insbesondre und mich zu wiederholten Mahlen, Schloßern und Dich doch recht herzlich von ihm zu grüßen, Euch viel Liebes von ihm zu sagen. Ich gab ihm noch ein paar besondere Abdrücke von Schloßers Antiberolinianis, die er mit Begierde annahm. Am Morgen seiner Abreise wiederholte er seine Aufträge an Euch. Ich vermuthe, daß er nach seiner Zurückkunft in Weimar Schloßern schreiben wird. Gesagt hat er nichts dergleichen; ich habe ihm auch keinen Anlaß dazu gegeben. Was Du von Göthes Stolz im Allgemeinen sagst, laße ich Dir gelten. Ich habe ihn von dieser Seite jetzt noch viel näher kennen gelernt, auch durch eigene Bekenntnisse, die er mir von seinem Ehrgeitze und seiner Eitelkeit ablegte. Viele seiner Handlungen, die ich ehmals nicht begriff, oder mir doch nicht genug auslegen konnte, begreife ich jetzt vollkommen. Auch ist Dein Verdacht in Absicht des Mangels an Gluth im Mittelpunkt seines Wesens nicht ganz ohne Grund. Aber Du nimmst mir dieses oder jenes, überhaupt den ganzen Menschen nicht recht zusammen, und vergissest, wie Du ihn ehmals gekannt hast. Z. B. in Deinem gestern angekommenen Briefe steht: „Das Alcibiadische modelt sich wohl für den Moment in alle Formen, und mißt sie sich selbst gern an, des Genußes wegen. Man macht nicht gern mit seiner Person die schroffe Ecke zwischen einem Kreise der unter sich harmonisch sich bindenden Figuren, oder es gehört eine Festigkeit dazu u. s. w.“ – Dies paßt nun einmahl gar nicht auf den Goethe, den Du mit eigenen Augen gesehen, so oft hin und her betrachtet und anderen dargestellt hast. Gern mag er überall hervorglänzen und der Erste seyn; aber durch Accomodation zu gelten, ist ihm verhaßt; auch übermannt ihn nicht leicht das Wohlgefallen an Andern; und wo es ihn übermannen will, da ist seine erste Bewegung zu widerstehen. Hat es ihn überrascht, so widersteht er nachher aus Ueberlegung. So hat er es auch hier getrieben, und ich weiß von keiner Verwandlung, außer in Meinungen, welches vielleicht in der Folge doch auf ihn wirken kann. Ohne dieses wird die Stimmung, die er hier empfing, nicht lange halten. Diese aber war so, daß er, bey seinem Charakter, sie nicht hätte annehmen können, wenn nicht zugleich in seiner Denkungsart eine große Veränderung vorgegangen wäre. Hätte ich Dir meinen Bericht abstatten können, so hättest Du gewissermaßen selbst gesehen, und würdest begreifen, was ich meine und nicht meine. Getäuscht hat mich Göthe dießmahl gewiß in nichts.

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