Normalzeugnis Zeugnis

Caroline v. Herder, Erinnerungen: Herders Verhältniß mit Goethe (SB Berlin, PrK, Herder XXXVII 5)

Herder u. Goethe liebten sich aufrichtig, mit der innigsten Anerkennung ihres Werths. Das zeigen die Briefe Goethes u. was er für Herder that, da er ihm die Stelle zu Weimar verschaffte. Herder blieb ihm stets dankbar, erkannte Goethes großes Dichtertalent; er gab ihm im Umgang u. öffentlich seine Achtung darüber zu erkennen, in dem Ton der Wahrheit und Liebe, ohne Vergötterung, die dem jungen Goethe damals von allen Seiten bezeugt war. Aber Herder bezeugte Goethe vorzugsweise größre Hochachtung, hing mit zärtlicherer Liebe u. gemüthvollerer Freundschaft an ihm. Goethe war dagegen, bey all seiner treuen u. großen Freundschaft zu ihm, sparsam u. geitzig mit seinem Beifall an Herder – sein Betragen von dieser Seite war eines edeln Mannes nicht würdig. Herder wollte mit ihm nicht rivalisiren. – Er hatte andre Talente – andre Zwecke als die eines Dichters, auf welchen nun Goethe den alleinigen höchsten Werth sezte. Ich muß dies als ein eigenthümliches Betragen Goethes bemerken, wovon wir den Grund nie haben einsehen können, da er in der Folge Leuten seinen Beifall gegeben hat, die tief unter Herders Talent u. Character waren, blos weil sie ihm grob schmeichelten. Indessen hatte dies Vorenthalten seines Beifalls, keinen Einfluß auf ihre Freundschaft. Herder war nicht eitel; im Gefühl seines Werths übersah u. dultete er von Goethe ach so vieles. Die Wolken die sich durch den ersten unangenehmen Auftritt zu Weimar, (da Herder auf die Erfüllung seiner Vocation drang) zwischen beyde gezogen hatten, verschwanden nach u. nach wieder. Indeßen war es Herdern schmerzhaft zu sehen, wie übel Goethe auf den Character u. die Grundsätze des Herzogs wirkte; denn in der gewaltsamen Cur in welcher Goethe dem Herzog, seine Prinzen Erziehung abstreifen u. ihn der Natur wiedergeben wollte, etablirte er vorragend den Geist der Zerstörung, der Despotie, Anmaßung u. der Verachtung des äusserlich Anständigen u. aller alten Einrichtungen, sie mochten Nahmen haben, welche sie wollten. Nichts galt damals als nur das NaturLeben, hervorragende Züge von Genie u. Willkühr zu leben wie man will u. Lust hat. Die Folgen davon auf des Herzogs Character waren unbeschreiblich verderblich. Das Höchste u. Beste was ein Mensch, ein Fürst besitzen kann, Treue u. Glauben an Menschen, Achtung für und zu Menschen war nun für immer verschwunden. Im Conseil waren Männer die in den gangbaren Geschäften die Beibehaltung der alten Form u. unter dieser ihre Absichten gegen den Herzog u. Goethe erkämpften, u. beide leztere mußten immer nachgeben (Goethe war nehmlich auch Mitglied des Conseils.) Destomehr suchten der Herzog u. Goethe sich im PrivatLeben schadlos zu halten u. die herkömmlichen Feßeln abzuschütteln oder darüber zu spotten. Es war ein peinlicher Zustand fürs Ganze – niemand wußte wer regierte oder nach welchen Grundsätzen regiert wurde. Ueberall war die Inconsequenz der neuen Denkart sichtbar, indem bei jedem wichtigen Vorgang die alte Form siegte. Goethe war, bey seiner großen genialischen Einsicht zu jung u. unerfahren im Gang der Geschäfte, zu gemächlich u. untheilnehmend um zu widersprechen; er ließ, wo es nicht auf eigne Personalität ankam, es gehen wie es wolle. Er hatte vorjezt nur den einzig wichtigen Zweck, dem Herzog ein selbstständiges gesundes u. frohes Daseyn zu verschaffen. Er hielt sich für den Schutzengel des Herzogs, u. beide waren eben auf Leben u. Tod verbunden. In dies enge Bündniß hatte ein Dritter nicht Raum. Daher war auch zum Theil das Verhältniß zwischen Herder u. Göthe in den ersten Jahren nicht so ganz innig, wie es nach ihrem beiden Gefühl hätte seyn können u. sollen – das fremdartige seiner mit Goethes Grundsätzen, hielt sie in reellen Beziehungen immer entfernt. – Herder litt in seinem Gemüth unbeschreiblich, daß er durch Goethe u. den Herzog in seinen besten Planen zu beßerer Einrichtung der Schulen, nicht unterstüzt wurde, denn leider waren diese den Grundsätzen Goethes geradezu entgegen, der damals alle Erziehung verachtete, lächerlich machte u. mit dem Herzog lieber alle Kirchen u. Schulen zerstören, als zu ihrer Erhaltung beitragen mochte. Das schmerzliche Gefühl in Herder: „dies u. dies Bessere könnte ich leisten, wenn man mir nur einigen Raum gönnte;“ läßt sich leicht denken. Wie leicht wars von Seiten des Herzogs u. Goethes ihm diesen Raum zu verschaffen. Sich in diese Unthätigkeit abermals versezt zu sehen, die einer Nichtachtung u. Geringschätzung so ähnlich sah, u. dies von Goethe u. dem Herzog, von denen er so viel hoffte, erwartete! Unbeschreiblich bittres Gefühl sich abermals getäuscht zu sehen! Daß darüber von Seiten Herders bittere Aeusserungen vorgekommen sind, kann man denken. Ich weiß nicht ob mans beklagen soll, daß Herder nicht die Biegsamkeit hatte, durch Welt Klugheit seinen gewünschten Würkungskreis sich selbst zu schaffen, welches ihm bey der zuweilen guten Stimmung seines Präsidenten u. des Geh. Rath v. Fritsch nicht unmöglich gewesen wäre. Aber diesen Menschen, von deren Character und Handlungen er so viel empörendes gehört hatte, konnte er nicht schmeicheln u. ihr Client seyn; es war in jeder Hinsicht tief unter Herders Natur, – es war ihm geradezu unmöglich. Immer bleibt Goethes damaliges Betragen gegen Herder ein Räthsel. Wars absichtlich, Herdern bey so viel guten Zwecken nicht beförderlich zu seyn, damit seine guten Grundsätze, die den seinigen so ganz entgegen waren, sich nicht verbreiteten – oder wars eine feine Eifersucht, Herdern nicht noch mehr Relief zu geben, der von der regierenden Herzogin (um deren Gunst Goethe sich bemühte) so entschieden hervorgezogen u. von der Stadt so hoch geachtet war? Wer kann die Eitelkeit eines Dichters ergründen! Indessen kam auch die Zeit, daß Goethe durch eigne Erfahrungen reif u. mürbe gemacht werden sollte. – Die Finanzen der Fürstlichen Kammer waren durch den jungen Kammer Präsidenten von Kalb, welchem Goethe zu dieser Stelle verholfen hatte, in solche Verwirrung u. Dunkelheit gerathen, daß er seine Entlassung nehmen mußte. Goethe sezte sich an die Spitze der Kammer, u. brachte in die Verwirrung Licht u. Ordnung. Er entwarf einen Finanz-Etat den der Herzog annahm; er suchte durch Ersparniße u. Einschränkungen einen fond zu ausserordentlichen Ausgaben zu etabliren, besonders für die Universität Jena; wie er uns nachmals vertraute. – Schade, daß Goethes Geist zu kleinlich sparsam war, u. daß er die dringendsten u. so wichtigen oder noch wichtigern Bedürfniße für die Gegenwart, für die Schulen, u. andern frommen u. nützlichen Anstalten die um Unterstützung fleheten seinem Lieblings Plan Jena, aufopferte. Es sind ihm gerechte Klagen u. Vorwürfe hierüber gemacht worden. Es war seiner unwürdig, daß er so gar nichts für die frommen Stiftungen u. für Schulen that, da er doch zu eben der Zeit an der Kammer war, da Herder einen Plan über die Schulen eingereicht hatte. Aber der gute Herder trug alles im Stillen. Er hielts nun einmahl für sein eigenthümliches unvermeidliches Schicksal, – u. er konnte bei jeder vorkommenden Gelegenheit, bis in die lezten Jahre, ein inneres Gefühl nicht unterdrücken „Goethe sey ihm ein feindlicher u. hindernder Dämon.“ Leider war es auch zu offenbar, u. hatte sich fast bey jedem Vorgang bestätigt. Dem Herzog waren die Fesseln von Goethe, die er ihm durch den neuen Kammer-Etat anlegte, unerträglich. Er war ja bisher so sehr an Willkühr u. Eigenmächtigkeit gewöhnt. Lavater hatte aus seiner (des Herzogs) Physiognomie ein ausserordentliches Genie in ihm anerkannt, u. es ihm ins Gesicht gesagt. Jezt fing er an, als solches sich zu fühlen u. es zu seyn, er stieg nun über Goethe empor. Goethe hatte mehrere unangenehme Auftritte über den neuen Kammer-Etat mit dem Herzog. In diesem gestörten Verhältniß suchte Goethe Herdern täglich u. öfterer auf wie sonst, u. schloß sich inniger an ihn. – So blieben sie innig verbunden bis zum Jahr 1793.

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