Werk
Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche
Inhalt: G. schildert neben dem entbehrungsreichen Arbeits- auch das Privatleben der Fabrikarbeiter, welches nicht selten durch Mehrarbeit (vor allem im Industriesektor) und die Wohnverhältnisse nachhaltig gestört ist. G. erkennt bei den Arbeitern ein politisches Bewusstsein, das sich jedoch religionsfeindlich gestaltet - wofür er auch die geringe Schulbildung verantwortlich macht. G. plädiert für ein harmonisches Zusammenspiel von Sozialdemokratie und Christentum.
Zeit- und Sachbezug: Selbsterlebnisbericht von G.s Zeit als freiwilliger Fabrikarbeiter in Chemnitz. G. wollte nachvollziehen, weshalb die Arbeiterklasse der Kirche fern blieb.
Überlieferung: Der Bericht wurde als Angriff auf die weitgehend bürgerlich beherrschte evangelische Kirche aufgenommen und löste eine erbitterte öffentliche Debatte über sein Vorgehen aus. F. Naumann und M. Weber stimmten seinen Anliegen bei. Mit seinen eindringlichen Beschreibungen der proletarischen Arbeits- und Lebenswelt gelang G. ein Bestseller unter dem vorwiegend bürgerlichen Lesepublikum. Zwei Auflagen gab es im Erscheinungsjahr, Übersetzungen ins Niederländische, Norwegisch-Dänische, Schwedische und Englische sowie eine Volksausgabe 1913 folgten. Zudem gab es in den folgenden Jahren zahlreiche Nachahmer zumeist aus dem Bürgermilieu, die in der Fabrikarbeit ein soziales Abenteuer suchten. Als G. sich später weiterhin politisch engagierte (Beitritt in die SPD), wurde er von seinen Aufgaben als Pfarrer entbunden und trat 1903 selbst aus der Kirche aus. Das Selbstzeugnis zeichnet unvoreingenommen und ohne Manierismen ein detailreiches Bild der Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der Hochindustrialisierung und bildet damit eine herausragende Quelle sowohl zur Sozialgeschichte als auch zur Technikgeschichte in D. Parallelen zu den investigativen Recherchen von G. Wallraff.