Christian Friedrich Tieck: Kassandra
Kassandra ist auf einen Altar geflüchtet und streckt flehend ihren Arm aus. Nachdem die Seherin vergeblich vor dem Trojanischen Pferd und dem Untergang der Stadt gewarnt hatte, suchte sie in den Kriegswirren Schutz in einem Tempel, wo sie von einem der Gegner vergewaltigt wurde. Der Bildhauer Christian Friedrich Tieck zeigt ihren Abwehrversuch und zugleich einen nackten, idealen Frauenkörper, der ganz der klassizistischen Ästhetik entspricht. Grausamkeit und Schönheit sind in der Kunst um 1800 oft auf irritierende Weise miteinander verwoben.
Die unterlebensgroße Skulptur gehört zu einer Gruppe von 15 mythologischen Gipsfiguren, die Tieck für den Teesalon im Berliner Schloss schuf. Den Abguss schenkte er 1827 Goethe, der darin eine „anmuthig-scheue Nymphe“ sah und die Antikennachahmung lobte. Er stellte sie im Brückenzimmer seines Wohnhauses am Frauenplan auf – ein Achill aus der gleichen Serie trat bald hinzu. Die Werke verweisen neben dem in Weimar beliebten Kassandra-Stoff auch auf Homers Ilias, die in der Goethezeit neue Wertschätzung erfuhr.
Goethes Brücken- oder Büstenzimmer ist mit zahlreichen Gipsplastiken ausgestattet, die sich vor der blauen Wandfarbe wirkungsvoll abheben. Dabei mischen sich Kopien antiker Skulpturen und Reliefs mit zeitgenössischen Werken. Gips galt um 1800 keineswegs als minderwertig, sondern verlieh eine einheitliche Ästhetik, die den Umriss und damit die künstlerische Idee deutlicher hervortreten ließ.