Goethes Werke: Die Weimarer Sophien-Ausgabe in der Ausführung von 1949
Nach dem Tod des letzten Enkels Johann Wolfgang von Goethes 1885 erbte Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach den handschriftlichen Nachlass des Dichters. Aus Mitteln ihrer Privatschatulle finanzierte sie nicht nur den Bau des 1896 eröffneten Goethe- und Schiller-Archivs, sondern engagierte auch Wissenschaftler, die Goethes Werke auf Grundlage der Archivalien wissenschaftlich erschlossen, kommentierten und in einer Gesamtausgabe herausgaben. Von 1887 bis 1919 wurden in der Hofbuchdruckerei Hermann Böhlau 143 Bände in vier Abteilungen verlegt, die Goethes literarischen und naturwissenschaftlichen Werken sowie seinen Tagebüchern und Briefen gewidmet waren. Mehr als 200.000 Einbände der sogenannten Sophien-Ausgabe wurden in diesem Zeitraum von der Hofbuchbinderei Lüttich in Handarbeit angefertigt.
Goethes 200. Geburtstag bot einen willkommenen Anlass, die Sophien-Ausgabe in einer besonderen Ausführung neu binden zu lassen. Die Anregung dazu ging auf den im Februar 1949 verstorbenen Archivdirektor Hans Wahl und den damaligen Direktor des Thüringer Landtags Otto Heßler zurück. Die Feierlichkeiten in der Geburtsstadt Frankfurt am Main und Goethes jahrzehntelangen Wirkungsstätte Weimar erhielten 1949 eine politische Dimension. Mit der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 zeichnete sich die staatliche Teilung Deutschlands endgültig ab, und der Dichter des Fausts wurde zunehmend für das jeweils eigene kulturpolitische Selbstverständnis in Anspruch genommen.
Am 24. August 1949 wurde dem Goethe- und Schiller-Archiv vom Land Thüringen eine Prachtausgabe aus der Werkstatt Otto Dorfners als „Stiftung“ im Foyer des Nationaltheaters überreicht. Die dunkelblauen Saffianledereinbände in Großoktav tragen auf den Vorderdeckeln den Großbuchstaben „G“ in Fraktur. Dorfners minimalistische Gestaltung setzt sich auf den Buchrücken fort: Sie zeigen lediglich die fortlaufende Bandnummer in arabischen Ziffern; allein der zusätzliche 144. Band ist als Registerband bezeichnet.
In einem vom Architekten Hermann Schwarz eigens für die Ausgabe entworfenen und von der früheren Hofkunsttischlerei H. Scheidemantel hergestellten opulenten zweiflügligen Bücherschrank wird die Ausgabe aufbewahrt. Seit der Sanierung des Goethe- und Schiller-Archivs 2012 befindet sich der Schrank im Direktorenzimmer. Während die Türen auf der Außenseite den sechsstrahligen Stern aus Goethes Adelswappen zeigen, sind auf den Innentüren lyrische Verse aus Goethes Spätwerk zu lesen.
Im Inneren des Schrankes befindet sich eine schmale Einlassung, in der die Schenkungsurkunde des bis 1952 bestehenden Landes Thüringen aufbewahrt wird. Die kunstvoll kalligraphierte Pergamenturkunde datiert auf den 28. August 1949 und ist vom letzten Landtagspräsidenten August Fröhlich unterzeichnet worden.
Handschriftliche Eintragungen belegen, dass die Ausgabe nicht nur als repräsentatives Ausstattungsstück gedacht, sondern in den letzten Jahrzehnten tatsächlich als Arbeitsmittel genutzt wurde. Für das Wissensportal der Klassik Stiftung Weimar wird die Ausgabe in der Fotothek der Herzogin Anna Amalia Bibliothek sukzessive digitalisiert.